Grenzsteinlinie Hannover-Preußen 1837 von Wiedensahl bis Bad Laer
Geschrieben von Jörg Feldmann   
Dienstag, 14 April 2009

Hannover - Preußen Die Grenze zwischen Preußen und Hannover von 1837? Längst vergessen, sollte man denken. Aber weit gefehlt – sie bildet nicht nur abschnittsweise noch heute die Grenze zwischen Bundesländern, sondern zeigt sich entlang dieser immer noch ganz unerwartet in Form historischer Grenzsteine. Jörg Feldmann hat sich auf eine Spurensuche nach diesen fast vergessenen Relikten gemacht.

Diese Grenzsteinlinie liegt südlich des mittleren Niedersachsens, ungefähr im Raum Osnabrück-Minden und zieht sich etwa über eine Strecke von ca. 200 km hin. Im Nordosten beginnend, mit dem ersten Stein in der Gemarkung Raderhorst-Wiedensahl, an der Schaumburger Landwehr gelegen, über den Nordpunkt von Nordrhein-Westfalen zum südwestlichsten Punkt im Münsterland, dem Dreiländereck bei Bad Laer-Versmold. Im Laufe dieser Strecke vollzieht die immer noch gültige Grenzlinie als Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen die heftigsten Richtungsänderungen, wie z.B. von Nord auf Süd oder von Ost nach West schwenkend.

Grenzverlauf Hannover-Preußen

Die Steine wurden 1837 nach einem Staatsvertrag zwischen den Königreichen Hannover und Preußen, mit dem Zweck der genauen Festlegung der Hoheitsgrenzen und weiterer Abmarkungen, errichtet. Teilweise wurde die Grenzlinie nachträglich, wie nördlich Wiedensahl, oder bei Rödinghausen, sogar bis in die jüngste Vergangenheit, wie z.B. beim ehemaligen Tanklager Pr.Oldendorf, geändert, hat aber ansonsten immer noch im Großen und Ganzen Gültigkeit. Manchmal zeichnet sie immer noch den alten Verlauf eines Baches nach, obwohl dieser schon vor vielen Jahren begradigt wurde.
Mit der Annektierung des Königreichs Hannover durch Preußen 1866, (der König Georg V. musste abdanken), verloren diese Grenzmarkierungen ihren eigentlichen Zweck.

Als Bodendenkmale stehen diese sandsteinernen Monumente unter Denkmalsschutz, sofern sie den Denkmalämtern bekannt sind. Für die heutigen Grenzen haben die historischen Steine keine Gültigkeit mehr. Wem sie gehören? Laut weiterer Aussage des niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege ist es in diesem Falle unklar, ob Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen Eigentümer ist - dies müßte wohl ein Jurist klären. Wahrscheinlich sind beide Länder zuständig.

Beschreibung

Das Material der Steine ist Sandstein, dieser ließ sich relativ leicht bearbeiten, und war in direkter Nähe auch verfügbar (z.B. Osning-Sandstein, Oberkirchener Sandstein). Manche Exemplare sind nur wenig verwittert, andere sind in den Inschriften unlesbar. Der Frost hat über die vergangenen 170 Jahre auch so manchen Stein zersplittern lassen, aber auch die Bauern mit ihrem landwirtschaftlichen Gerät haben das ihre getan, bis jetzt. Und was Luftverschmutzung und saurer Regen verursacht haben, mag dahingestellt bleiben. Manchmal fallen ganze Platten vom Stein ab, ähnlich wie bei alten Kirchenbauten.

Es gibt drei Formen von Steinen:

  • die großen, ca. B40xT30xH100cm, mit halbkreisförmigem Abschluss, gut bis sehr gut erhalten, ca.250-300kg
  • die mittleren, ca. B80xT30xH80cm, kreissegmentförmiger Abschluss oben, seltener vorkommend, immer stark verwittert, hellerer Sandstein, ca.200kg
  • die kleineren B40xT30xH50cm, kreissegmentförmiger Abschluss oben, gut bis sehr gut erhalten, ca.150-200kg (jeweils sichtbare Abmaße).

Die Steingrößen kommen ohne Regelmäßigkeit vor, also groß, mittel und klein in loser Reihenfolge. Sie sind auf Hannoveraner Seite mit „H“ und darunter „1837“, und auf Preußischer Seite mit „P“ und fortlaufender Nummer von „1“ bei Wiedensahl bis „599“ (diese Nummer ohne Gewähr) bei Bad Laer beschriftet. Die Jahreszahl findet sich manchmal auf der H-Seite, manchmal auf der P-Seite, ebenso die eingearbeitete laufende Nummerierung.

Manche Schreibfehler gibt es, es wurde z.B. versucht aus einem H ein P zu machen, oder umgekehrt, spiegelverkehrte Inschriften bei „P“ oder „6“, „9“ kommen auch vor. Man bedenke, dass die Grenzsteine damals auch von des Lesens und des Schreibens unkundigen Menschen hergestellt wurden.

Die Grenzsteine wurden in verschiedenen Zuständen vorgefunden:
für das Alter normal entsprechend, was immer man sich darunter vorstellen mag, dann wiederum fast neuwertig, aber auch Teile abgesplittert, völlig vermoost, schief, abgesplittert, im Sumpf zur Seite geneigt, ausgegraben und an Scheune gelehnt, ausgegraben und als Torpfosten benutzt, halb versunken, mit davor gepflanzten Blumen, umgefallen, abgebrochen durch Kyrill, wackelig im Schilf, durch Frost völlig zersplittert, mitten im Bach/am Bach, nur in Bruchstücken, als Halter für Weidezaundraht oder Wanderwegzeichen, oder als Gipfelzeichen. Sie sind teilweise oben auf dem „Kopf“ auch mit weiteren Markierungen wie Rillen oder Kreuze zur Landesvermessung versehen. Manchmal übliche Grenzstein-Zeugen unterhalb des Grenzsteins wurden nicht nachgewiesen, aber auch nicht explizit gesucht.

No.1 direkt an der alten Schaumburger Landwehr bei Wiedensahl .21 (hinten) u. No.22 (vorne), zwei Steine auf einem Bild, nördlich Wiedensahl : In der Mitte des Bildes No.221, original stand hier No.223. Idylle am Nordrand des Stemweder Berges mit No.261. No.263: Mitten im tiefsten Gebüsch ein Schreibfehler: Soll es jetzt „H“ oder „P“ darstellen?
Schöne Schrift bei No.298 im Stemweder Berg, aber an der Seite ist der Stein schon etwas         korrodiert. gibt noch mehr Grenzstein-Liebhaber, hier No.359 mit Blumen bei Wimmerheide. Bei Dahlinghausen: Der Reifen liegt schon länger auf No.386, sollte er vor Gleisbau- Maschinen schützen? No.415 bei Buer: Schöne Buchstaben in buntem Sandstein Wahrscheinlich steht hier No.452, die No. ist fast nicht zu lesen, am Staukanal der Martmühle an der Warmenau.
mag diese No.455 früher an der Niedermühle bei Neuenkirchen gestanden haben ? Grenzstein No.489 am Grenzbach, auch bei Neuenkirchen/Melle Grundstückseinfahrt mit No.500 in Winkelshütten. Einsam im Wald, diese No.502 bekommt selten einen Menschen zu sehen! Prachtexemplar No.506 am Neuenkirchener Berg.
So findet man mitunter ein Exemplar, hier aus der Ferne... 507 aus der Nähe es ist No.507, weil es der Nachbarstein von No.506 ist. Der höchste Punkt der Grenzlinie auf dem Hankenüll mit No.539, 307m hoch. Im Sommer mit Bewuchs würde man No.576 nicht entdecken!
No.578 am Rande eines alten Teiches bei Bad Rothenfelde. Das Ende der Grenzlinie von 1837 am Dreiländereck bei Bad Laer mit wahrscheinlich No.599.

Allgemeines

Die Grenzsteine sind zwar durchgehend nummeriert, jedoch wurden auch fremde Steine in die Zahlenreihe mit einbezogen, Beispiele wären hier einige Ravensberger und andere nicht deutbare Steine. Eine fortlaufende Nummerierung hilft natürlich bei der Recherche nach diesen stummen Zeugen der Vergangenheit. Sie lässt Rückschlüsse auf fehlende Steine zu. Nach einer Begehung der Hälfte der Grenzlinie und dem Auffinden einer gewissen Zahl von Grenzsteinen, lässt sich abschätzen, dass deutlich weniger als die Hälfte der ursprünglich gesetzten Steine noch vorhanden sind. Landwirtschaft, Straßenbaumaßnahmen, Souvenirjäger, umstürzende Bäume steinverarbeitende Betriebe, aber auch sumpfiger Untergrund usw. haben dem Bestand Lücken zugefügt.

Häufigstes und lückenloses Vorkommen ist meistens in einsamen „Grenzwäldern“ gewährleistet, zum Beispiel wurden im Teutoburger Wald schon Serien bis 12 Stück durchlaufend nummeriert gefunden. Hierbei fallen in diesen Wäldern Gräben und Wälle auf, die den Grenzverlauf darstellen.

Entlang relativ neu begradigter Bachläufe wie z.B. der Warmenau ist es eher unwahrscheinlich, einen dieser alten Grenzsteine zu finden, da hier sowohl dem neuen Bachlauf als auch den folgenden Flurbereinigungsmaßnahmen etliche Steine zum Opfer gefallen sind. Gleichermaßen dienen alte Entwässerungsbäche über lange Kilometer als Grenzverlauf, z.B. im Oppenweher Moor oder der Grenzkanal bei Bohmte.

Auch an anderen Begebenheiten kann man erkennen, dass man sich in der Nähe einer Grenze aufhält: Einmal gehen gut ausgebaute Straßen in kleinere weniger gut ausgebaute bzw. unbefestigte Wege über, im Niveau und Bauprofil angepasste Waldwege enden an der Landesgrenze im Nichts. Manchmal verhindert auch eine Schranke mitten im Wald z.B. Fahrzeuge daran, in ein anderes Waldstück zu wechseln. Zufahrten zu Gehöften nehmen Umwege in Kauf, nur um die Grenze nicht zu kreuzen. Überhaupt gibt es in Grenznähe mehr parallel verlaufende als kreuzende Wege. Auffällig ist auch die Namensgebung in Grenznähe, wie 'An der Nordgrenze', 'Grenzbach', 'Grenzweg', 'Zum Dreiländereck', 'Zum Grenzweg' u.a. Und der Name einer jeden grenzkreuzenden Straße ändert sich natürlich auch.

Besonderheiten

Schaumburger Landwehr, hier nördlich des Schaumburger Waldes, steht die No.1 in der Gemarkung zwischen Wiedensahl und Raderhorst am Wall der Schaumburger Landwehr, Höhe 52,5m.

Schlüsselburg/Weser, hier kreuzt die Grenze die Weser, tiefster Punkt der Grenzlinie,
27m über NN.

Nordpunkt NRW, Höhe 37,5m, als touristisches Ziel ausgebauter Nordpunkt von NRW, der hier aufgestellte Stein No.221 stand vorher an anderer Stelle und ist nachbearbeitet worden, Reste des originalen No.223 sollen auch noch zu finden sein.

"Der zuständige Topograph des Kreises untersuchte vor Ort die unklare Situation des Nordpunktes NRW.
Er stellte fest, dass nur noch ein kleiner Rest des Originalsteins No. 223 existiere. Dieser stehe an einer Böschung und sei recht schwer zugänglich. Vor Ort steht nicht das Original, sondern ein vom Heimatverein besorgtes Exemplar (als Ersatz für das Original). Dieser Ersatzpunkt steht für die Besucher gut zugänglich auf einer Wiese in mittelbarer Nähe zum Original.“ (Email von BezReg Köln v. 16.12.08)

Stemweder Berg, mit hoher Grenzsteindichte, hier liegen auch das preußische und das hannoversche Berghaus, größte Höhe über NN: 156m, Standort von No.257 bis No.301, hier konnten allein 33 Steine bei nur einmaliger Begehung nachgewiesen werden.

ehemaliges Lufttanklager Pr.Oldendorf, die Grenzlinie kreuzt im Westen das Gelände, in der Nähe No.386 und No.390, größte Höhe im Wiehengebirge 211,0m.

Warmenau, von Alters her Grenzgewässer zwischen Osnabrück und Minden/Ravensberg. Standort von No.449 über No.453 u.a. bis wahrscheinlich No.458 (nicht nachgewiesen).

Hankenüll, 307m hoch, höchster Punkt des Grenzverlaufs, hier kreuzt die Grenze den Höhenzug des Teutoburger Waldes und folgt ihm auf dem Kammweg für 1,3km, Standort von No.533, No.538 und No.539 auf dem Hankenüll.

Dreiländereck Bad Laer, Höhe 71m, hier trafen sich früher Bistum Osnabrück, Bistum Münster und Grafschaft Ravensberg. Und auch einige Schmuggler, denn die Gegend war einsam und weitläufig. Standort von No.599, ohne Gewähr, ist schwierig zu entziffern. Hier endet die Grenzstein-Serie von 1837. Richtung niederländische Grenze, also Richtung Westen, führt eine auch mit römischen Ziffern markierte Serie von 1827/1828 die Grenzlinie weiter fort.

Quellen
 http://www.koenigreich-hannover.de
 http://www.kreuzstein.eu
 http://www.hoeckmann.de/geschichte/mindenkarte
 http://www.tim-online.nrw.de
 http://www.lverma.nrw.de/nrw/NRW_Daten.htm
 http://www.am-center.de/html/body_grenzsteine
 http://www.eberhard-gutberlett.de
 http://www.niedersachsennavigator.niedersachsen.de
 http://www.niedersachsennavigator.niedersachsen.de Niedersachsen vor 100 Jahren
 http://www.speukenkieker.de/nordpunkt
 http://www.bielefeld.de/de/si/geschichte/hry/grst/
 http://www.schaumburgerlandschaft.de/spurensuche
 http://www.denkmalpflege.niedersachsen.de
 Info v. BezReg Köln
 Info v. Niedersächsischem Landesamt für Denkmalpflege