In den Anfangsjahren der Elektrifizierung in Hamburg errichteten die
1894 gegründeten Hamburgischen Electricitäts-Werke HEW zunächst
dezentral mehrere kleine Kraftwerke. Bis 1913 wurden vier Kraftwerke mit
zusammen 28.450 KW Leistung gebaut. Bereits ab 1910 begann man aber mit
der Planung eines neuen, weitaus größeren Kraftwerkes. Mit
einer Leistung von 60.000 bis 80.000 KW sollte es die ausreichende und
sichere Versorgung des gesamten hamburgischen Staatsgebietes gewährleisten.
Im Jahr 1914 konnte mit den Bauarbeiten auf einem Gelände am Moorfleeter
und Tiefstackkanal begonnen werden, 1917 wurde die erste Dampfturbine
in Betrieb genommen. Nach dem Endausbau im Jahre 1925 verfügte das
Kraftwerk Tiefstack über 24 Kessel und 5 Turbinen mit zusammen 85
MW Leistung, die jedoch aufgrund technischer Probleme und ständig
nötiger Reparaturen an den Kesselanlagen nur selten auch tatsächlich
erreicht wurden.

Anfang der 30er Jahre begannen umfangreiche Umbauarbeiten mit dem Ziel
einer Umrüstung der Anlagen zu einem Heizkraftwerk nach dem Prinzip
der Kraft-Wärme-Kopplung. Das Kraftwerk erhielt dazu eine Anschlußleitung
zum Dampf-Fernheiznetz der Innenstadt. Ab 1934 wurden Umbauten zur Umstellung
von Mitteldruck- auf Hochdruckbetrieb vorgenommen. Dazu wurden teilweise
neue Kessel und Turbinen installiert. 1940 war der erste Teil der neuen
Hochdruckanlage mit 120 MW Leistung fertiggestellt, der weitere Umbau
wurde durch den Krieg unterbrochen.

´Im zweiten Weltkrieg erhielt auch das Kraftwerk Tiefstack mehrere
schwere Bombentreffer, dennoch trug es gegen Kriegsende die Hauptlast
der Elektrizitätserzeugung in Hamburg. Am 3. Mai 1945 waren von den
insgesamt installierten 464 MW Leistung der HEW nur 116 MW verfügbar,
davon allein 60 MW im Kraftwerk Tiefstack (von dort installierten 131
MW).
Bereits unmittelbar nach Kriegsende wurde die Modernisierung des Kraftwerkes
wieder aufgenommen und fortgeführt. 1950 wurden die verbliebenen
alten Kessel entfernt und durch zwei neue Hochdruckkessel ersetzt. 1952
mußten die vier riesigen, 100 Meter hohen Kamine, weithin sichtbares
Zeichen des Kraftwerkes und gleichzeitig Markenzeichen der HEW, aus statischen
Gründen auf eine Höhe von 75 Metern verkürzt werden, auch
als eine Spätfolge der Bombeneinschläge in unmittelbarer Nähe.
1953 wurde auch die letzte der alten Turbinen erneuert. Die Gesamtleistung
des Kraftwerkes betrug nun 230 MW.
   
   
   Der Höhepunkt der Stromerzeugung wurde im Geschäftsjahr
1958/59 erreicht, danach wurde die Stromlieferung allmählich rückläufig
und das Kraftwerk Tiefstack übernahm neben der Fernwärmelieferung
zunehmend die Funktion eines Spitzenkraftwerkes. Bis Ende der sechziger
Jahre wurden weitere Umbauarbeiten zur Erhöhung der Wärmelieferung
vorgenommen, danach fanden keine durchgreifenden Veränderungen
der Anlagen mehr statt.
Ab 1984 wurde mit dem Bau des neuen Kraftwerkes Tiefstack begonnen, das
1993 die Strom- und Wärmelieferung aufnehmen konnte. Das alte Kraftwerk
Tiefstack wurde am 22. März 1993 stillgelegt und in den folgenden
Jahren restlos abgebrochen. Die hier gezeigten Bilder des Kraftwerkes
entstanden bei einer Besichtigung im November 1993, die Anlagen waren
zu diesem Zeitpunkt noch fast vollständig vorhanden.

Dem Kraftwerk Tiefstack kommt als erstem Großkraftwerk in Hamburg
eine besondere architektur- und industriegeschichtliche Bedeutung zu.
Diese besondere Stellung war den HEW auch bereits beim Bau bewußt.
Bei der Gestaltung und Ausführung der Baukörper wurde ein erheblicher
handwerklicher und baukünstlerischer Aufwand betrieben, um das Kraftwerk
auch in ästhetischer Hinsicht seiner technischen Bedeutung entsprechend
herausragend erscheinen zu lassen.
 
Die markante Silhouette mit den vier hoch aufragenden Schornsteinen wurde
ab 1922/23 sogar zum Firmenemblem der HEW und ist noch heute auf älteren
Schildern und Tafeln zu sehen.
Als die Pläne der HEW zum Bau eines neuen Kraftwerkes am Standort
Tiefstack und zum damit verbundenen Abriß der alten Anlagen konkreter
wurden, beauftragte das Denkmalschutzamt der Stadt Hamburg das Deutsche
Bergbau-Museum Bochum mit der Erstellung einer Dokumentation des architektonischen
und technischen Bestandes des Kraftwerkes. Aus der Zusammenfassung dieser
Dokumentation sei hier zitiert. Die besondere historische Bedeutung der
Anlagen wird damit recht anschaulich verdeutlicht:
"Zusammenfassend wird man feststellen müssen, daß
das Kraftwerk Tiefstack ein Technisches Denkmal von besonderer Bedeutung
ist. Sowohl aus architektonischen Gründen wie auch aufgrund seiner
vollständigen technischen Ausstattung, die in den Hauptaggregaten
zwar nicht mehr aus der Erbauungszeit stammt, aber doch eine kontinuierliche
Aggregateentwicklung belegen kann, kommt diesem Großkraftwerk
der ersten Generation eine besondere Bedeutung innerhalb des Denkmälerbestandes
der Bundesrepublik Deutschland zu. Hinzu kommt der für die Freie
und Hansestadt Hamburg wichtige lokale Wert, dokumentiert das Kraftwerk
doch den Übergang vom lokalen zum zentralen Versorgungsnetz. Darüber
hinaus ist das Kraftwerk Tiefstack mit seiner imposanten und imponierenden
Silhouette jahrzehntelang für das Versorgungsunternehmen geradezu
ein Markenzeichen gewesen: Jetzt muß ein anderes, ähnlich
aussagekräftiges an seine Stelle treten.
Man muß den Entschluß der Hamburgischen Electricitäts-Werke,
das Kraftwerk Tiefstack im Laufe der nächsten Jahre abzubrechen,
bedauern, verlieren Hamburg und die Bundesrepublik Deutschland doch
ein offenbar wichtiges Denkmal der Elektrizitätsgeschichte und
-entwicklung. Auf der anderen Seite aber ist der Entschluß zum
Abbruch von seiten des Versorgungsunternehmens durchaus zu verstehen,
weil ein kostenungünstiges Betreiben des Kraftwerkes auch für
den Bürger nicht vertretbar sein kann. Gründe zur Schonung
der Umwelt, bessere Ausnutzungsgrade von Aggregaten und knapper werdenden
Ressourcen sind zu berücksichtigen. Die räumliche Eingeengtheit
am Standort Tiefstack verhindert wohl ein Aussetzen der Abbruchtätigkeit.
So verliert man ein Technisches Denkmal von großer Aussagekraft
und Ästhetik und wohl auch von nationaler Bedeutung."
Die Dokumentation ist erschienen unter dem Titel "Kraftwerk Tiefstack"
von Rainer Slotta im Hans Christians Verlag, Hamburg, 1994 (Reihe Arbeitshefte
zur Denkmalpflege in Hamburg Nr. 14) ISBN 3-7672-1232-3. |