Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs untersagte der Versailler
Vertrag Deutschland jegliche Luftfahrtforschung im Bereich des
Motorflugs. Dennoch begann das Reichswehrministerium bereits 1920
schon wieder mit der Vorbereitung zur Einrichtung einer Fliegertruppe
und natürlich der zur Entwicklung und Produktion eigener
Flugzeuge. Nur wenige Jahre später entstanden die ersten
Forschungseinrichtungen, darunter beispielsweise auch die DVL
(Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt). Nach der Machtübernahme
durch die Nationalsozialisten und der anschließenden Schaffung
eines eigenen Reichsluftfahrtministeriums wurden die Bemühungen
um die Luftrüstung wesentlich verstärkt.
Als das RLM 1935 den Befehl erließ, die deutsche Luftfahrtforschung
solle bis etwa 1938 die der anderen Länder eingeholt bzw.
übertroffen haben, hatte dies für viele Standorte weitreichende
Folgen. Neben der Aerodynamischen Versuchsanstalt (AVA)
in Göttingen und der bereits langjährig etablierten
Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) in Berlin
Adlershof sollte ein weiterer, zusätzlicher Standort geschaffen
werden. Die ersten Planungen zur Anstaltsgründung waren bereits
1933 erfolgt. Der Standort sollte laut Planungen des RLM möglichst
zentral und in der nähe einer Technischen Hochschule gelegen
sein, die Möglichkeit zur Anlage eines dazugehörigen
Flugfeldes und die besten Voraussetzungen für eine wirkungsvolle
Tarnung bieten. Der Forderung nach guter Tarnung wurde in vielerlei
Hinsicht Rechnung getragen. Bis auf das Flugfeld sollte die Gesamtanlage
in einem Waldgebiet liegen. Die Dachfirste sollten den Baumbestand
nach Möglichkeit nicht überragen und die Längsachsen
der Gebäude möglichst in Nord/Süd-Richtung liegen,
um starke Schattenbildung zu vermeiden. Die erkennbaren Bauten
sollten so weit wie möglich im ländlichen Stil gestaltet
werden. Selbst der Flugplatz sollte durch die Aussaat mehrerer
Grassorten und Mähzyklen nur schwer als solcher erkennbar
sein.
Die Wahl fiel schließlich auf den Raum Braunschweig und
nach weiteren Schritten auf ein etwa 485ha großes Areal
südwestlich des kleinen Ortes Völkenrode. Bereits Mitte
Juli 1935 wurde - zunächst in den Räumen der DVL in
Adlershof - die "Bauleitung der deutschen Versuchsanstalt
für Luftfahrt, Zweigstelle Braunschweig" aufgestellt,
ein Baubüro vor Ort folgte drei Monate später. Gleichzeitig
wurde mit den Planierarbeiten für das Flugfeld, dem Abstecken
und Einzäunen der Anlage und dem Bau der Straßen und
Wege begonnen. Im November 1935 begann der Bau des ersten Windkanals,
zwischen März und Oktober 1936 entstand das erste Bürogebäude.
Da die Landstrasse von Völkenrode nach Bortfeld durch das
Gelände führte, wurde sie kurzerhand unterbrochen. Ungefähr
gleichzeitig wurde mit der Errichtung von rund vierhundert Wohnungen
für Beschäftigte außerhalb des LFA-Geländes,
u.a. im Randbereich der Siedlung Lehndorf, begonnen. Auf dem Gelände
selbst gab es nur wenig Wohnraum, vor allem für Wachmannschaften.
Am 10. Februar 1936 wurde die Deutsche Forschungsanstalt für
Luftfahrt (DFL) als eingetragener Verein gegründet. Schon
1938 bekam die DFL allerdings einen neuen Namen: Luftfahrtforschungsanstalt
Hermann Göring, abgekürzt LFA. Göring selbst
hat die gesamte Einrichtung niemals besucht. Leiter der Anstalt
und stellvertretender Vorsitzender des Vereins wurde Professor
Dr. Blenk, erster Vorsitzender Ministerialrat Bäumker
(Leiter der Forschungsabteilung im Technischen Amt des RLM), der
auch schon maßgeblich an den Planungen beteiligt war. Nach
Fertigstellung des ersten Bürogebäudes begann die Anstalt
ihre Arbeit. In den Folgejahren wurden - praktisch bis zum Ende
des Krieges - nach und nach achtzig Gebäude auf dem Gelände
errichtet. Bauherr und Auftraggeber war das Reichsluftfahrtministerium,
die Forschungsanstalt trat nur als Nutzer auf. Die Gesamtkosten
für Errichtung und Ausbau der Infrastruktur betrugen damals
rund sechzig Millionen Reichsmark.
Gegen Kriegsende waren rund 1.500 Menschen bei der Anstalt beschäftigt,
davon etwa 150 Wissenschaftler. Obwohl die Arbeit der gesamten
Einrichtung hochgeheim war, lehrten einige der Wissenschaftler
weiterhin an der Technischen Universität Braunschweig und
sogar Lehrlinge wurden auf dem Gelände ausgebildet - so beispielsweise
in der feinmechanischen Werkstatt. Besonders in den letzten Kriegsjahren
fehlte es der Forschungsanstalt an technischem Personal, so daß
die wissenschaftlichen Mitarbeiter viele Routinearbeiten erledigen
mußten und ihre Arbeit dadurch langsamer vorwärts kam.
Inwieweit bei den Bauarbeiten Zwangsarbeiter eingesetzt wurden,
ist bisher leider noch ungeklärt. Ab Herbst 1942 wurden allerdings
wegen des oben genannten Mangels an Arbeitskräften in den
Werkstätten und der Landwirtschaft der LFA zunächst
75 russische Kriegsgefangene beschäftigt, am Ende des Jahres
stieg diese Zahl auf 115. Ob und wie weit diese Zahl danach weiter
ansteig, ist bisher leider ebenfalls ungeklärt.
Aufgrund ihrer Größe und Ausstattung war die LFA zu
Ihrer Zeit eine der größten und modernsten Luftfahrt-Forschungseinrichtungen
der Welt. Die Einrichtung war in fünf Institutsteile untergliedert,
die einige Teile der Anlagen gemeinsam nutzten (z.B. Wache, Rollfeld,
Kasino, mehrere Flugzeug- und Werfthallen, Feuerwache, Verwaltung
und Versorgung etc.), ansonsten aber über eigene Gebäude,
Labore und Prüfstände verfügten.

Das Institut für Aerodynamik, geleitet von Prof.
Dr. Hermann Blenk, befasste sich u.a. mit Grundlagenforschung
zur Längs- und Seitenstabilität unterschiedlicher Rumpf-,
Flächen- und Leitwerkskonstruktionen, Schwingungsanalysen,
verschiedensten Strömungsmessungen, Messverfahren und Geräten
und der Entwicklung neuer Flugkörper (meist aus dem Waffenbereich).
Im 1935 bis 1937 errichteten Windkanal A1 konnte mit Strömungsgeschwindigkeiten
von bis zu 55m/s mit zwei unterschiedlichen Düsen (2,5m kreisrund
oder 2,2m x 3,0m elliptisch) gearbeitet werden.

Zu
Hochgeschwindigkeits-Versuchen nahe der Schallgrenze diente der
Windkanal A2 mit einem Durchmesser von 2,8m, gebaut von August
1937 bis Mitte 1939. Dieser Windkanal hatte einen geschlossenen
Kreislauf, konnte aber auch Außenluft ansaugen und ins Freie
ausblasen ("System Eiffel"). Die eigentliche Arbeit
in A2 konnte wegen verschiedener Probleme erst Ende März
1942 beginnen. Offenbar machte dieser Windkanal auch während
der folgenden Jahre immer wieder Probleme, so daß häufig
Änderungen und Nachbesserungen notwendig waren. Hier fanden
u.a. sehr viele Versuche mit Bauteilen der V1, der Flugabwehrrakete
"Hecht" und der Arado AR-234 statt. Die Modelle für
die Untersuchungen in den Windkanälen wurden in eigenen Werkstätten
auf dem Gelände gefertigt.
Der rein größenmäßig imposanteste Kanal
trug die Bezeichnung A3 und war für Versuche mit ganzen Flugzeugen
bzw. -körpern in Originalgröße vorgesehen.
Der riesige, fast 95m lange und insgesamt rund 75m breite Bau
überragte die Baumkronen deutlich und war aus diesem Grunde
auf dem Dach zur Tarnung bepflanzt. Sein Bau begann gleichzeitig
mit dem von A2, die ersten Versuche konnten im Dezember 1940 durchgeführt
werden. Um die Luft in der zwölf Meter langen Meßstrecke
des Acht-Meter-Kanals auf Geschwindigkeiten von bis zu 350km/h
zu bringen, war eine Antriebsleistung von 12.000kW notwendig.
In A3 fanden unter anderem Untersuchungen an Me-109, V1 und Ar-234
statt.
Im von Prof. Dr. Ing. Adolf Busemann geleiteten Institut
für Gasdynamik befasste man sich mit Untersuchungen zu
Profilen von Tragflächen und Luftschrauben, der Stabilität
und Lenkbarkeit bei hohen Geschwindigkeiten, theoretischer Gasdynamik
besonders im Bereich Tragflächenformen (Pfeilflügel)
und Überschallgeschwindigkeit, Reibungs- und Erwärmungsvorgängen
bei hohen Geschwindigkeiten und Schockwellen. Hier wurden auch
Hochgeschwindigkeits- und Schlierenaufnahmen gemacht und an Basisdaten
für die Konstruktion von Flugabwehrraketen gearbeitet.

Das Institut nutzte den Windkanal A2 des Instituts für Aerodynamik
zeitweise mit, hatte aber natürlich eigene, spezialisierte
Prüf- und Versuchseinrichtungen. Eine davon war der Hochgeschwindigkeits-Windkanal
A6/7 (gebaut 05/36-04/38), der in seiner 25cm x 25cm großen
Meßstrecke im Intervallbetrieb (bis zu 20 Sekunden Schub,
180 bis 300 Sekunden Pause) Strömungsgeschwindigkeiten bis
zu Mach 3 erreichte. Diese Anlage arbeitete nicht mit einer Turbine,
sondern war vakuumbetrieben und verfügte über einen
Vakuumkessel von 1.000m³ Inhalt. Der zweite Windkanal des
Instituts (A9), errichtet zwischen 1938 und Herbst 1941, bot mit
zwei Meßstrecken bis zu 90cm Durchmesser mehr Platz und
konnte mit seinen 2 x 4000PS auch im Dauerbetrieb sehr hohe Geschwindigkeiten
erzeugen (knapp unterhalb Mach 1).


Der Prüfstand für Strahlversuche (Raketenantriebe),
auf dem Gelände des Instituts für Kinetik gelegen, wurde
im Oktober 1939 zum ersten Mal für einen Versuch eingesetzt.
Er diente nur zu Versuchen an kleineren Triebwerken, da man solche
mit größeren für zu gefährlich hielt, um
sie auf dem Areal der LFA durchführen zu können. Dies
war auch der Grund dafür, den großen Prüfstand
des Instituts in die Außenstelle
Faßberg/Trauen (siehe gesonderten Artikel) auszulagern, wo Eugen Sänger
die Versuche leitete.
Das Institut für Festigkeit (Leitung Prof. Dr. Bernhard
Dirksen) konnte erst im Jahr 1938 seine Arbeit aufnehmen.
Diese bestand im wesentlichen aus Untersuchungen zur Festigkeit
und Spannungsverteilung an Verbindungselementen, Niet- und Bolzverbindungen
und Untersuchungen zur Schubspannungsverteilung und Spannungen
an Kuppeln. Auch die Eignung von keramischen Werkstoffen für
Einzelteile von Strahltriebwerken (u.a. Turbinenschaufeln) und
theoretische Überlegungen zum Flatterverhalten von Rotorblättern
wurden in diesem Teil der LFA angestellt.

Für die Arbeit stand dem Institut neben einigen
allgemeinen Gebäuden natürlich auch spezielle Infrastruktur
zur Verfügung. Für Versuche an Großteilen und
ganzen Flugzeugen diente die 1938-1940 errichtete Halle F1,
die zeitweise auch zur Unterstellung von Schulflugzeugen genutzt
wurde. Dauererprobungen, dynamische Belastungsversuche und ähnliche
Prüfungen wurden im Arbeitsgebäude F2 bzw. der daran
angeschlossenen Versuchshalle durchgeführt. Auch diesem
Institut stand feinstes Gerät zur Verfügung, darunter
neben Öfen und Kälteanlagen und anderem eher allgemeinem
Gerät auch eine Röntgenanlage und ein Quarzspektrograph.
Im Institut für Motorenforschung unter Prof. Dr.
Ing. Ernst Schmidt wurden Untersuchungen an und mit Antriebsaggregaten
für Flugabwehrraketen durchgeführt, hier befasste man
sich auch mit der Forschung an Fest- und Flüssigtreibstoffen
u.a. für das Walter-Triebwerk der Me-163B oder das Staustrahltriebwerk
der V1. Der Schwerpunkt lag hier weniger auf der Arbeit mit ganzen
Motoren als vielmehr der Konzentration auf Details und Teilprobleme.
Ein wichtiger Bestandteil der Forschung befasste sich daneben
mit Strahltriebwerken und dafür geeigneten Treibstoffen.

Dieses Institut war räumlich durch eine Straße von
restlichen Gelände getrennt. Neben Büros, Laboratorien,
Elektrozentrale, Werkstätten und einer weiteren Flugzeughalle
befanden sich auf diesem Außengelände weitere spezielle
Einrichtungen des Instituts. In der Motorenprüfhalle M1 konnten
die Wissenschaftler auf vier Prüffeldern Versuche mit luftgekühlten
Motoren anstellen, im 1938 erbauten Höhenprüfstand M5
konnten in drei Prüfräumen mit je zwei Motorenständen
Tests an Triebwerken bis etwa 3.000PS in simulierten Höhen
bis 20.000m durchgeführt werden. Eine Unterdruckkammer mit
sechs Meter Länge und einem Durchmesser von 2,50m mit eingebautem
Winderzeuger erlaubte Versuche mit fast beliebig kleinem Druck
bei Temperaturen von bis zu -60°C. Die oben erwähnten
Prüfanlagen in A 14 wurden gemeinsam von den Instituten für
Gasdynamik und Motorenforschung genutzt.
Bis 1938 leitete Fliegerstabsing. Prof. Dr. Wilhelm Thomé
das Institut für Kinematik / Waffenforschung. Nach
seinem Tod übernahmen Dr. Hackemann, Prof. Dr. Grammel
und schließlich Prof. Dr. Roßmann die Leitung.
Das Institut untersuchte vielerlei Aspekte von Schuß- und
Abwurfwaffen. Dazu gehörte die Entwicklung von Visiereinrichtungen,
chemische Untersuchungen an Sprengstoffen, allgemeine Gedanken
zur Ballistik, Forschung zur Stabilisierung und Einpendelung von
Projektilen während des Fluges, deren Reaktion auf Seitenwind
oder seitlichen Abschuss, Messungen zu Geschossbahn und -drall,
die Entwicklung von Leitwerken für Raketen und Bomben, Kraftmessungen
an Bordwaffen aber beispielsweise auch Untersuchungen zu Sprengtechnik
oder Stabilität und Lebensdauer von Geschützrohren.

Aufgrund der sensiblen Thematik war das Institutsgelände
innerhalb des LFA-Areals nochmals eingezäunt und nur über
eine eigene innere Wache erreichbar. Innerhalb dieses geschlossenen
Geländeteils befanden sich praktisch alle zugehörigen
Institutsteile und Labore sowie einige bereits erwähnte Anlagen
des Instituts für Gasdynamik. Sprengstoffe und Munition wurden
in vier erdüberdeckten Munitionshäusern am Südrand
der LFA gelagert. Nur knapp nördlich davon befanden sich
die "Pechküche" (Versuchsvorbereitung) und der
1938 in Betrieb genommene und 1948 abgerissene "Sprengturm",
in dem Untersuchungen über die Splitterverteilung von Explosivgeschossen
durchgeführt wurden.
Außergewöhnlichste Einrichtung der Abteilung war sicherlich
der 400 Meter lange unterirdische Schießkanal, der im Sommer
1940 fertiggestellt wurde. Er war evakuierbar - das bedeutet,
man konnte Unterdrücke erzeugen, die Höhen von bis zu
22.000m entsprechen. Große Messnischen außerhalb des
evakuierten Bereichs im Abstand von 100m und kleinere Nischen
im Abstand von 25m erlaubten die Aufstellung von Messgeräten
wie z.B. automatischen Blitzgebern. Zur Simulation von Querabschüssen
verfügte die Anlage zusätzliche über einen Querwindkanal.
Der Durchmesser des aus armiertem Beton gebauten Kanals betrug
an der Feuerstellung 5,4m, an der Zielstellung 7,6m.
Zwei weitere Schießkanäle von 100m bzw. 25m Länge
dienten hauptsächlich der Waffen- und Munitionsforschung.
Um Waffen unter extremen Temperaturen erproben zu können,
verfügte der 100m-Schießkanal über eine zusätzliche
Kammer, die bis -60°C gekühlt bzw. bis auf +80°C
aufgeheizt werden konnte.
Ein Schleuderstand (K7, 1940 fertiggestellt) mit Zehn-Meter-Arm
- eigentlich eine Art riesige Zentrifuge - erlaubte die Prüfung
von Schusswaffen und Abwurfmunition unter extremen Belastungen
bis zum zehnfachen der Erdbeschleunigung. Die Waffe feuerte dabei
nach unten oder in einen kreisförmig aufgeschütteten
Erdwall. Eine spezielle Halterung erlaubte auch Versuche an Abwurfwaffen.
Zu den Entwicklungen des Instituts gehörte z.B. auch der
später zugunsten des von Blohm & Voss entwickelten
L10 eingestellte LT 9,2 "Frosch". Auch an anderen
Gleitbomben und Raketen wurde geforscht. Die Alliierten fanden
nach Kriegsende auf dem Institutsgelände Teile für verschiedene
Flugkörper, darunter ein fast komplettes Exemplar vom Typ
"Enzian", die Antriebseinheit einer "Rheintochter"
und mehrere Ausführungen der "Feuerlilie"
F25 bzw. F55. Ein weiterer Flugkörper, wahrscheinlich eine
Luft-Luft-Rakete, konnte damals nicht eindeutig identifiziert
werden.

Das Gelände der Luftfahrtforschungsanstalt wurde zunächst
von Angehörigen der Wehrmacht bewacht, später übernahmen
diese Aufgabe eigene Angestellte der LFA. Auch das Flugfeld sollte
ursprünglich nur Forschungszwecken dienen. Wahrscheinlich
aufgrund der Ereignisse während des Krieges kam es aber schließlich
doch dazu, daß zumindest zeitweise Angehörige der Luftwaffe
in einem separaten Bereich auf dem Areal zur Ausbildung untergebracht
waren. Sogar einige - wenn auch nur kurze - Stationierungen unterschiedlichster
Einheiten sind dokumentiert:
- I./ZG26 (Me110, Ende 1943/Anfang 1944)
- II./JG27 (Bf109G, 3/45-4/45)
- I./JG11 (Fw-190A, 10/44-11/44)
- II./NJG1 (Ju88G, 4/45-Kriegsende)
- III./NJG5 (He219 und Ju88, 8/43)
- Stab/JG302 und III./JG302 (Bf109G, 5/44-6/44).

Obwohl das Gelände nie direkt bombardiert wurde - über
die Gründe kann nur spekuliert werden - gab es während
des Krieges mehrmals kleinere Schäden im Bereich der Anlage,
die aus Bombardements der umliegenden Orte und Fabriken resultierten.
Daß die Existenz der Anlage den Alliierten bekannt war,
belegen britische Unterlagen. Aus diesen Dokumenten geht recht
klar hervor, daß die umfangreichen Tarnmaßnahmen zu
einem großen Teil erfolgreich gewesen waren - viele der
Gebäude und Prüfstände waren von den Luftbildauswertern
nicht entdeckt worden.
Am 11. April 1945 erreichte die US-Armee Braunschweig-Völkenrode
und besetzte auch die LFA. Das Flugfeld nutzte die 125th Lia Sq
der US Air Force noch vom 18. 4.1945 bis zum 15.5.1945. In der
Zeit direkt nach Kriegsende folgten Plünderungen durch Anwohner
der umliegenden Orte, später zum Teil auch durch alliierte
Soldaten, die sich vor allem für optische und technische
Geräte interessierten. Entgegen dem Befehl aus Berlin, "dem
Feind nichts in die Hände fallen zu lassen", hatte
man die wichtigsten Dokumente nicht vernichtet, sondern vergraben
oder versteckt. Letztlich wurden den Alliierten aber doch tausende
von Seiten übergeben.
Es begann jetzt eine Zeit, in der sich Luftfahrtexperten aus
Militär, Wirtschaft und Forschung der Alliierten sozusagen
die Klinke in die Hand gaben, um die Errungenschaften aus Völkenrode
auszuwerten. Unter ihnen waren viele, die später die Welt
der Luft- und Raumfahrt maßgeblich beeinflussen sollten
- etwa Theodore von Kármán, H. S. Tsien
und Hugh L. Dryden. Im Juli 1945 übergaben die US-Truppen
die ehemalige LFA an die Briten. Diese führten Befragungen
der verbliebenen Wissenschaftler und Mitarbeiter durch und ließen
einzelne Anlagenteile wieder in Betrieb setzen. Für einige
Zeit trug die Anstalt nun den Namen "Ministry of Aircraft
Production (MAP Völkenrode", zuständig war
der Brite Ben Lockspeiser.

Viele deutsche Entwicklungen sollten schon kurz nach dem Zweiten
Weltkrieg Einzug in die Luftfahrt halten - sozusagen als "kostenlose
Beigabe" an die Siegermächte. Der Stellenwert der LFA
Braunschweig-Völkenrode wird durch mehrere Aussagen deutlich.
Im Rahmen der "Operation Lusty" (Luftwaffe
Secret Technology) untersuchten alliierte
Einheiten deutsche Luftfahrt-Forschungseinrichtungen im Hinblick
auf verwertbare Ergebnisse für ihre eigene Luftfahrtindustrie.
Colonel Donald L. Putt, Assistant Commanding Officer des
Allied Technical Information Service und später maßgeblich
an der "Operation Paperclip" beteiligt, war "erstaunt",
als er "realisierte,
mitten in der hervorragendsten und großzügigsten Forschungseinrichtung
zu sein, die jemals erbaut wurde". Er hielt die
Prüfstände und Messinstrumente für "extravagant
und überwältigend". Auch Dr. Clark
Millikan, Aerodynamiker und Windkanal-Spezialist des California
Institute of Technology (Caltech), hielt die LFA für
die "wichtigste
deutsche Luftfahrt-Forschungseinrichtung", die
Schießkanäle für die "hochentwickeltesten
der Welt" und den Windkanal A3 für "den
leistungsstärksten der Welt". Major General
Leslie E. Simon, ehemaliger Leiter des Ballistic Research Laboratory
der US Army, siedelte den Stellenwert der LFA - zumindest im Bereich
der Waffenforschung - dagegen weniger hoch an.
Clark Millikan berichtete auch über Bauteile für
Überschall-Windkanäle, die noch nicht einmal benutzt
oder zusammengesetzt worden waren - eine vor Kriegsende geplante
Erweiterung der LFA ist also durchaus wahrscheinlich.
Boeing hatte bereits 1943 einen strahlgetriebenen Bomber geplant,
konnte aber verschiedene Probleme im Windkanal nicht befriedigend
lösen. Das änderte sich nun sehr rasch: Als der Boeing-Aerodynamiker
George Schairer kurz nach Kriegsende die LFA besuchte und
dort die Windkanal-Daten der Pfeilflügler sah, berichtete
er sofort nach Seattle. Als Ergebnis vollendete Boeing bereits
im September 1945 das Design der ersten B-47 mit Pfeilflügeln,
am 17.12.1947 hatte die erste XB-47 - nun mit um 35° angewinkelten
Tragflächen - ihren erfolgreichen Jungfernflug.
Nach Abschluß der Arbeiten in der ehemaligen LFA - wahrscheinlich
im Laufe des Jahres 1948 - wurden die meisten der Anlagen demontiert
und zum Teil anschließend gesprengt. Einige Gebäude,
vor allem Büro-, Werkstatt- und Laborgebäude, waren
zum Teil bereits in zivile Nutzung übergegangen und entgingen
so der Zerstörung. Von den technischen Anlagen überlebten
wahrscheinlich nur einige der Windkanäle die Sprengungen.
Mindestens ein Windkanal wurde komplett demontiert und im englischen
RAE (Royal Aircraft Establishment) Farnborough und/oder Bedford
wieder aufgebaut, wo Großbritannien die Forschungen weiterführte.
Auch die Antriebstechnik der Anlage A9 ging nach Großbritannien
zur RAE Bedford.

Einige der Völkenroder Wissenschaftler, darunter Busemann
und Zobel, gingen im Rahmen der "Operation Paperclip"
in die USA, um dort ihre Arbeiten fortzusetzen.
Nahrung war schon während des Krieges knapp gewesen und
die Nachkriegs-Situation in den damaligen Westzonen hatte sich
durch den Zustrom von Flüchtlingen natürlich keineswegs
verbessert. Aus diesem Grund wurde die Landwirtschaft stark gefördert
und auf Betreiben verschiedenerer Stellen sollte auch eine landwirtschaftliche
Forschungseinrichtung des Bundes entstehen. Dies geschah mit Gründung
der Forschungsanstalt
für Landwirtschaft - kurz FAL - am 18.12.1947 dann auch
tatsächlich. Bereits im November des Jahres hatte das erste
Institut der FAL auf dem ehemaligen LFA-Gelände inoffiziell
Einzug gehalten. Noch heute befindet sich diese Einrichtung innerhalb
der Grenzen der ehemaligen Luftfahrtforschungsanstalt und forscht
für vollkommen friedliche Zwecke, die Natur und Menschheit
zugute kommen. Auf dem Gelände des ehemaligen Instituts für
Motorenforschung befindet sich seit 1947 die Physikalisch-Technische
Bundesanstalt (PTB).
Die Trümmer der Wind- und Schiesskanäle lagen noch
Jahrzehnte herum, erst 1967 wurden sie zum größten
Teil entfernt. Interessantes Detail der Geschichte: 1987, also
48 Jahre nach der Errichtung des bis dahin nie bezogenen Rohbaus,
wurde das ehemalige Kasino schließlich fertiggestellt. Das
denkmalgeschützte Gebäude dient der FAL heute zu repräsentativen
Zwecken und für Veranstaltungen.

Die DFL als Organisation an sich hatte den Krieg juristisch überdauert
und konnte bereits im August 1953 unter gleichem Namen die Arbeit
wieder aufnehmen - jetzt natürlich unter zivilem Vorzeichen
und nicht mehr in Völkenrode sondern am Flughafen Waggum.
Heute finden sich auf dem FAL-Gelände noch immer viele Spuren
der luftfahrttechnischen Vergangenheit. Neben erhalten gebliebenen
Büro- und Laborgebäuden liegen in entlegeneren Winkeln
auch noch die Trümmer verschiedener technischer Anlagen.
Im Laufe der Jahre werden sicher auch diese Überreste nach
und nach überwuchern oder abgetragen werden.
Im November 2003 wird ein neues Buch zum Thema erscheinen:
Geschichte des Forschungsstandortes Braunschweig-Völkenrode
Hrsg. R. Ahlers und G. Sauerbeck
Appelhans-Verlag, Braunschweig
Kontakt: G. Sauerbeck, Bonhoefferweg 6, 38116 Braunschweig
Anmerkung: Sämtliche Gebäudebezeichnungen
beziehen sich auf die Nutzung in der Zeit von 1936-1945.
Quellen (Auszug):
- "Die Geschichte der DFL/LFA in Braunschweig", Heinz
Giller in "Blätter zur Geschichte der deutschen Luft-
und Raumfahrt III"
- Der Hochgeschwindigkeits-Windkanal A2 der LFA Braunschweig,
H.Matt, 1946
- "German Research in World War II", Leslie E. Simon,
1947
- Die Hochgeschwindigkeits-Windkanäle A6 und A7 der LFA Braunschweig,
W.Kackstedt, 1946
- "Die ballistischen Versuchs- und Meßanlagen der LFA
Hermann Göring", Karl Schüssler, DAL-Schrift 1052/42,
1942
- Jahresbericht 1942/1943 der LFA Braunschweig
- Archiv Dr.Sauerbeck, Braunschweig
- "Braunschweig - Orte des Erinnerns"
- "Luftfahrtforschungsanstalt H. Göring - Ein Beitrag
zur Geschichte", H. Blenk
- Memorial Tributes: National Academy of Engineering, Volume 3
(1989)
- "German Missiles - A Series of Allied Reports", C.
Reuter
- CIOS File Number XXVIII-45 - Group 2 Targets in Nordhausen Area
- "Die Physikalisch-Technische Reichsanstalt/Bundesanstalt
1887-1987", H. Rechenberg
- Michael Holm - http://www.ww2.dk/
- Familienarchiv Hufnagel + Grisar - Köln
- Ausstellung des US Air Force Museum
- Public Record Office, London, Bestände DSIR 23/14825 und
DSIR 23/06943
- "Report of a trip to Germany by Dr. C. Millikan",
15.4.1946, Bureau of Aeronautics |